"Vertraut den neuen Wegen"
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 395)

von Prof. Dr. Klaus-Peter Hertzsch 1989 gedichtet

nach der Melodie "Lob Gott getrost mit Singen" (EG 243) zu singen

 

Vertraut den neuen Wegen,
auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen,
weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen
am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.

               Vertraut den neuen Wegen
            und wandert in die Zeit!
            Gott will, dass ihr ein Segen
            für seine Erde seid.
            Der uns in frühen Zeiten
            das Leben eingehaucht,
            der wird uns dahin leiten,
            wo er uns will und braucht.

                        Vertraut den neuen Wegen,
                        auf die uns Gott gesandt!
                        Er selbst kommt uns entgegen.
                        Die Zukunft ist sein Land.
                        Wer aufbricht, der kann hoffen
                        in Zeit und Ewigkeit.
                        Die Tore stehen offen.
                        Das Land ist hell und weit.

 

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit

Zur Geschichte des Liedes

mit freundlicher Genehmigung des Autors
Dr. Karl-Friedrich Wiggermann, Münster



(gekürzter Text nach dem Buch von Karl-Friedrich Wiggermann
"Vertraut den neuen Wegen", Quell-Verlag Stuttgart, 1996)


Das jüngste Lied im neuen Evangelischen Gesangbuch (EG 395) ist in der Zeit der "Wende", im Jahr 1989, in der DDR entstanden. Der Jenaer Professor für Praktische Theologie Klaus-Peter Hertzsch hat es zur Trauung einer seiner Patentöchter am 4. August 1989 in der Annenkirche in Eisenach gedichtet.

Ist es nicht ein besonders schönes Geschenk, wenn einem Hochzeitspaar zur Trauung ein Lied geschenkt wird? Ein Lied, in das alle Gäste des Trauungsgottesdienstes einstimmen können. Einige Hochzeitsgäste haben das auf Blättern abgezogene Lied nach Hause mitgenommen und es in ihren Gemeinden in der DDR und in der Bundesrepublik gesungen. Es ist dem Dichter "auf Umwegen" wieder begegnet.

Dieses Lied nahm das Lebensgefühl und die Hoffnungen vieler Menschen in der DDR auf. Hier wurde Zuversicht in Worte gefasst, christlicher Glaube artikuliert. Im Herbst 1989 gingen auch in Thüringen sehr viele Menschen auf die Straßen - friedlich und ohne tötenden Hass. Sie wollten das sagen und ausdrücken, was sie viele Jahre lang aus Furcht vor Repressalien nicht zu sagen gewagt hatten.

Aus den Demonstrationen entfaltete sich die Wende. Eine Wende ohne Blut. Viele Menschen betraten die Kirchen. Gerade die evangelische Kirche erlangte eine überraschend große Bedeutung für die Wende, nicht zuletzt durch die von ihr veranstalteten "Friedensdekaden". Für den zentralen Gottesdienst der Friedensdekade am Abend des Bußtages, am 22. November 1989, in der Michaelis-Kirche in Jena, hatte Klaus-Peter Hertzsch dem Vorbereitungskreis sein Lied angeboten.

Wieder nahmen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Liedblätter mit und sangen das Lied in ihren Heimatgemeinden. Vor allem von Konfirmanden und älteren Jugendlichen wurde es gern aufgenommen. Die singende Gemeinde selbst hat dieses Lied verbreitet.

Wiederum ist die frohe Botschaft - wie in der Zeit der Reformation - ins Herz der Menschen gesungen worden. Die deutschsprachige Kirche kann das Lied als hymnologisches Erbe aus der Wende in der DDR 1989/90 in die Gottesdienste aufnehmen:

"Vertraut den neuen Wegen, / auf die der Herr uns weist, / weil Leben heißt: sich regen, / weil Leben wandern heißt. / Seit leuchtend Gottes Bogen / am hohen Himmel stand, / sind Menschen ausgezogen / in das gelobte Land.

Vertraut den neuen Wegen / und wandert in die Zeit! /Gott will, dass ihr ein Segen / für seine Erde seid. / Der uns in frühen Zeiten / das Leben eingehaucht, / der wird uns dahin leiten, / wo er uns will und braucht.

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit."

Im Jahr 1989 war schon ein Probedruck des neuen Gesangbuches der evangelischen Kirche erschienen. Der Berliner Theologe Jürgen Henkys, von dem zahlreiche Liedübertragungen aus europäischen Sprachen im neuen Gesangbuch stammen, hat das Lied von Klaus-Peter Hertzsch nachträglich für dieses Gesangbuch vorgeschlagen. Es war an der Zeit!

"Vertraut den neuen Wegen" - so beginnt jede Strophe des Liedes. Hertzsch hat in seiner Verkündigung häufig das Wegmotiv. "Wege" können sich auf den gemeinsamen Lebensweg zweier Menschen (Lied zur Trauung) und auf den Weg eines Volkes (Demonstration) beziehen. Die Gottesgemeinde weiß: Gott geht mit - seit den Zeiten des Volkes Israel.

Die alttestamentlichen Bezüge im Lied sind deutlich: zunächst das Bundeszeichen für Noah, der Regenbogen, die Verheißung: "Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht" (1. Buch Mose 8, 22). Die Erde trägt und erträgt den Menschen.

Die zweite Strophe ist auf Abraham bezogen, den großen Wanderer und Vater im Glauben, und auf die ihm gegebene Verheißung: "In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden" (1. Buch Mose 13, 3b). "Ein Segen für seine Erde" geht noch über die Verheißung hinaus, die sich auf Menschen bezieht. Hertzsch erweitert den Satz auf unsere Umwelt und Welt. So erhält der Text einen gewissen ökologischen Zug, in dem Hoffnung nicht zu vernachlässigen ist.

"Das Land ist hell und weit" - Gott hat noch etwas mit uns vor. Wir dürfen ihn nicht auf das uns Zumutbare und Wünschbare einengen. Gott ist auch für Überraschungen gut - damals in Israel mit Abraham. 1989 in Deutschland mit seiner Kirche, in Zukunft - für uns! Das Lied ruft zur Zuversicht gegen kleinliche Nörgelei. Es gibt keine Rezepte, aber es gibt Mut. Gott macht uns zu seinen Bundesgenossen.

Klaus-Peter Hertzsch hat uns ein überraschend großes Geschenk mit diesem Lied gemacht. Er war Dorf- und Studentenpfarrer. Im Jahr 1969 wurde er Dozent, im Jahr 1974 Professor für Praktische Theologie in Jena. Er hat in seine theologische Arbeit Anregungen aus der Literatur, auch aus der Arbeitsgemeinschaft "Arzt und Seelsorger" aufgenommen.

Die kirchliche Praxis hat seiner Praktischen Theologie eine lutherische "Bodenhaftung" gegeben. "Nebenbei" hat er "biblische Balladen" geschrieben: "Wie schön war die Stadt Ninive". Sie waren ursprünglich für Kinder geschrieben, wurden aber, gerade deshalb, von Erwachsenen besonders gut verstanden.

Karl-Friedrich Wiggermann


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