Das jüngste Lied im neuen Evangelischen
Gesangbuch (EG 395) ist in der Zeit der
"Wende", im Jahr 1989, in der DDR
entstanden. Der Jenaer Professor für Praktische
Theologie Klaus-Peter Hertzsch hat es zur
Trauung einer seiner Patentöchter am 4. August
1989 in der Annenkirche in Eisenach gedichtet.
Ist
es nicht ein besonders schönes Geschenk, wenn
einem Hochzeitspaar zur Trauung ein Lied
geschenkt wird? Ein Lied, in das alle Gäste des
Trauungsgottesdienstes einstimmen können.
Einige Hochzeitsgäste haben das auf Blättern
abgezogene Lied nach Hause mitgenommen und es in
ihren Gemeinden in der DDR und in der
Bundesrepublik gesungen. Es ist dem Dichter
"auf Umwegen" wieder begegnet.
Dieses
Lied nahm das Lebensgefühl und die Hoffnungen
vieler Menschen in der DDR auf. Hier wurde
Zuversicht in Worte gefasst, christlicher Glaube
artikuliert. Im Herbst 1989 gingen auch in Thüringen
sehr viele Menschen auf die Straßen - friedlich
und ohne tötenden Hass. Sie wollten das sagen
und ausdrücken, was sie viele Jahre lang aus
Furcht vor Repressalien nicht zu sagen gewagt
hatten.
Aus
den Demonstrationen entfaltete sich die Wende.
Eine Wende ohne Blut. Viele Menschen betraten
die Kirchen. Gerade die evangelische Kirche
erlangte eine überraschend große Bedeutung für
die Wende, nicht zuletzt durch die von ihr
veranstalteten "Friedensdekaden". Für
den zentralen Gottesdienst der Friedensdekade am
Abend des Bußtages, am 22. November 1989, in
der Michaelis-Kirche in Jena, hatte Klaus-Peter
Hertzsch dem Vorbereitungskreis sein Lied
angeboten.
Wieder
nahmen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Liedblätter
mit und sangen das Lied in ihren
Heimatgemeinden. Vor allem von Konfirmanden und
älteren Jugendlichen wurde es gern aufgenommen.
Die singende Gemeinde selbst hat dieses Lied
verbreitet.
Wiederum
ist die frohe Botschaft - wie in der Zeit der
Reformation - ins Herz der Menschen gesungen
worden. Die deutschsprachige Kirche kann das
Lied als hymnologisches Erbe aus der Wende in
der DDR 1989/90 in die Gottesdienste aufnehmen:
"Vertraut
den neuen Wegen, / auf die der Herr uns weist, /
weil Leben heißt: sich regen, / weil Leben
wandern heißt. / Seit leuchtend Gottes Bogen /
am hohen Himmel stand, / sind Menschen
ausgezogen / in das gelobte Land.
Vertraut den neuen Wegen / und wandert in die
Zeit! /Gott will, dass ihr ein Segen / für
seine Erde seid. / Der uns in frühen Zeiten /
das Leben eingehaucht, / der wird uns dahin
leiten, / wo er uns will und braucht.
Vertraut
den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! /
Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist
sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in
Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. /
Das Land ist hell und weit."
Im
Jahr 1989 war schon ein Probedruck des neuen
Gesangbuches der evangelischen Kirche
erschienen. Der Berliner Theologe Jürgen Henkys,
von dem zahlreiche Liedübertragungen aus europäischen
Sprachen im neuen Gesangbuch stammen, hat das
Lied von Klaus-Peter Hertzsch nachträglich für
dieses Gesangbuch vorgeschlagen. Es war an der
Zeit!
"Vertraut
den neuen Wegen" - so beginnt jede Strophe
des Liedes. Hertzsch hat in seiner Verkündigung
häufig das Wegmotiv. "Wege" können
sich auf den gemeinsamen Lebensweg zweier
Menschen (Lied zur Trauung) und auf den Weg
eines Volkes (Demonstration) beziehen. Die
Gottesgemeinde weiß: Gott geht mit - seit den
Zeiten des Volkes Israel.
Die
alttestamentlichen Bezüge im Lied sind
deutlich: zunächst das Bundeszeichen für Noah,
der Regenbogen, die Verheißung: "Solange
die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und
Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag
und Nacht" (1. Buch Mose 8, 22). Die Erde
trägt und erträgt den Menschen.
Die
zweite Strophe ist auf Abraham bezogen, den großen
Wanderer und Vater im Glauben, und auf die ihm
gegebene Verheißung: "In dir sollen
gesegnet werden alle Geschlechter auf
Erden" (1. Buch Mose 13, 3b). "Ein
Segen für seine Erde" geht noch über die
Verheißung hinaus, die sich auf Menschen
bezieht. Hertzsch erweitert den Satz auf unsere
Umwelt und Welt. So erhält der Text einen
gewissen ökologischen Zug, in dem Hoffnung
nicht zu vernachlässigen ist.
"Das
Land ist hell und weit" - Gott hat noch
etwas mit uns vor. Wir dürfen ihn nicht auf das
uns Zumutbare und Wünschbare einengen. Gott ist
auch für Überraschungen gut - damals in Israel
mit Abraham. 1989 in Deutschland mit seiner
Kirche, in Zukunft - für uns! Das Lied ruft zur
Zuversicht gegen kleinliche Nörgelei. Es gibt
keine Rezepte, aber es gibt Mut. Gott macht uns
zu seinen Bundesgenossen.
Klaus-Peter
Hertzsch hat uns ein überraschend großes
Geschenk mit diesem Lied gemacht. Er war Dorf-
und Studentenpfarrer. Im Jahr 1969 wurde er
Dozent, im Jahr 1974 Professor für Praktische
Theologie in Jena. Er hat in seine theologische
Arbeit Anregungen aus der Literatur, auch aus
der Arbeitsgemeinschaft "Arzt und
Seelsorger" aufgenommen.
Die
kirchliche Praxis hat seiner Praktischen
Theologie eine lutherische
"Bodenhaftung" gegeben.
"Nebenbei" hat er "biblische
Balladen" geschrieben: "Wie schön war
die Stadt Ninive". Sie waren ursprünglich
für Kinder geschrieben, wurden aber, gerade
deshalb, von Erwachsenen besonders gut
verstanden.
Karl-Friedrich
Wiggermann